Anrufe in der Arztpraxis automatisch verteilen
Morgendlicher Ansturm, Mittagsloch, Anrufe am Samstag. Wo die Grenze zwischen Empfang und KI verläuft und was keine Maschine entscheiden darf.
Was Anrufe automatisieren wirklich heißt
Anrufe in einer Arztpraxis zu automatisieren heißt, jeden Anruf in der Sekunde seines Klingelns an die Stelle zu leiten, die ihn bearbeiten kann. Der Empfang behält, was er abnimmt; die KI übernimmt den Rest: belegte Leitung, Mittagspause, geschlossene Praxis, Samstag. Das ist keine Softwarefrage. Es ist eine Frage des Anrufstroms. Eine Praxis bekommt keine Anrufe, sie bekommt Nachfrage in Wellen, und dagegen steht eine flache Personaldecke. Eine oder zwei Kräfte am Empfang. Feste Zeiten. Maximal ein Gespräch gleichzeitig. Der Abstand zwischen Welle und flacher Linie hat einen Namen: Überlauf. Automatisieren heißt, vorher zu entscheiden, wer diesen Abstand auffängt, bevor der erste Patient auflegt. Die Frage lautet also nie, ob eine KI nötig ist. Die Frage lautet, welchen Anteil des Anrufstroms die Praxis weiter verlieren will. Der Rest dieses Artikels zerlegt diesen Strom. Nach Tageszeit. Nach Ausgang des Anrufs. Nach Weiterleitungsbedingung. Jede Grenze wird einmal gezogen, aufgeschrieben und gemessen.
Anatomie eines Tages am Praxistelefon
Ein Praxisempfang ist nicht so lange besetzt wie die Praxis geöffnet. Frankreichs Gesundheitsstatistikbehörde DREES hat das 2011 in ihrem Hausarztpanel gemessen: Sitzt am Empfang eine Person, die persönlich in der Praxis anwesend ist, ist er im Schnitt 40 Stunden pro Woche besetzt. Bei 10 % der Ärzte sind es weniger als 20 Stunden. In der übrigen Zeit klingelt die Leitung ins Leere. Das ist die erste Lücke, und sie ist struktureller Natur. Die zweite Lücke liegt mitten im Praxistag. Eine Empfangskraft führt immer nur ein Gespräch gleichzeitig. Während sie am Tresen abrechnet, eine Akte heraussucht oder in die Mittagspause geht, sitzt niemand mehr am Telefon. Der Ansturm bei Praxisöffnung und das Mittagsloch sind keine Pannen: Es sind die beiden Momente, in denen Nachfrage und Verfügbarkeit gegenläufig verlaufen. Online-Terminbuchung hat diese Lücken nicht geschlossen. Das französische Hausarztpanel der Region Pays de la Loire zeigt für 2022: Von den Praxen mit Empfang vor Ort nutzten 44 % zusätzlich ein Online-Buchungswerkzeug. Die Autoren sehen darin ein Zeichen, dass solche Werkzeuge einen Empfang vor Ort nicht ersetzen. Sie fügen einen Kanal hinzu. Sie nehmen den Hörer nicht ab.
Die vier Enden eines eingehenden Anrufs
Ein eingehender Anruf endet immer in einem von vier Zuständen. Die meisten Praxen messen nur einen davon, den gebuchten Termin, weil nur er eine Spur im Kalender hinterlässt. Die anderen drei sind aus der Software heraus unsichtbar. Am besten dokumentiert ist der Fehlschlag. Die DREES-Erhebung zu Wartezeiten beim Zugang zur Versorgung, durchgeführt unter 40.000 Personen in Frankreich, zeigt: 5 % der Terminanfragen bei einem Hausarzt führen zu nichts. Über alle Fachrichtungen hinweg nennt die Erhebung drei Gründe für solche Fehlschläge. Der häufigste ist, dass niemand ans Telefon ging: In 22 % der Fälle war die Praxis im Moment der Anfrage nicht erreichbar oder abwesend. Auch der weitere Weg der Patienten ist auf dieser Grundlage gemessen. 56 % der gescheiterten Anfragen wandern zu einer anderen Praxis. 32 % werden ganz aufgegeben. 3 % landen in der Notaufnahme. Ein verlorener Anruf ist also keine Warteschlange, die länger wird. Es ist ein Patient, der die Praxis wechselt oder auf Behandlung verzichtet. Genau hier entscheidet sich die Aufteilung zwischen Mensch und KI: Sie soll das Feld verloren leeren, nicht die ohnehin angenommenen Anrufe schneller annehmen.
- Angenommen: in einem Kontakt erledigt, ohne Rückruf und Notizzettel.
- In der Warteschleife: der Patient wartet, die Praxis zahlt dafür.
- Verloren: endloses Klingeln, belegte Leitung oder Auflegen vor Annahme.
- Weitergeleitet: an eine andere Stelle übergeben, menschlich oder automatisch.
Überlauf beginnt bei der zweiten belegten Leitung
Überlauf ist keine Störung. Er ist ein normaler Zustand der Telefonanlage, mehrmals täglich erreicht, sobald mehr Anrufe gleichzeitig ankommen, als Personen abnehmen können. Zwei Einstellungen genügen. Die erste ist eine Zeitschwelle: Nach N Sekunden Klingeln ohne Annahme geht der Anruf an die KI. Die zweite ist eine Sättigungsschwelle: Sind alle menschlichen Leitungen belegt, wechselt der nächste Anruf sofort. Mehr ist nicht einzustellen. Bleibt N. Die US-Veteranengesundheitsverwaltung gibt ihren Zentren zwei Ziele für den telefonischen Zugang in der Primärversorgung vor: eine durchschnittliche Annahme in 30 Sekunden oder weniger und eine Abbruchquote unter 5 %. Das sind Betriebsziele, keine deutsche Norm. Sie liefern eine vertretbare Größenordnung: dreißig Sekunden klingeln, dann umschalten. Wartemusik löst nichts. Sie verschiebt nur den Moment, in dem der Patient auflegt. Eine Antwort bekommt er trotzdem nicht. Ein sauber eingestellter Überlauf lässt nicht warten. Er antwortet.
Bedingte Weiterleitung: die Regel entscheidet
Die bedingte Weiterleitung ist das Herzstück. Eine unbedingte Weiterleitung schickt alles, immer, und die Praxis verliert vom ersten Tag an die Hoheit über ihren Empfang. Eine bedingte Weiterleitung prüft bei jedem Anruf eine Bedingung und wählt dann das Ziel. Die brauchbaren Bedingungen sind wenige, jede lässt sich in einem Satz lesen. Sie greifen in einer Reihenfolge ineinander, die einmal festgelegt wird, vom Schwersten zum Alltäglichsten. Die Reihenfolge zählt mehr als die Anzahl: Eine Notfallbedingung hinter einer Zeitbedingung greift sonntags nie. Eine Regel wird nicht hergeleitet, sie wird aufgeschrieben. Die Praxis gibt sie frei, datiert sie und liest sie erneut, wenn sich die Sprechzeiten ändern. Genau das erlaubt es später, einem verärgerten Patienten zu zeigen, was mit seinem Anruf wirklich geschah und warum er dort landete.
- Weiterleiten bei Nichtannahme: dreißig Sekunden Klingeln ohne Abnahme.
- Weiterleiten bei Besetzt: alle menschlichen Leitungen bereits belegt.
- Weiterleiten nach Uhrzeit: außerhalb der Empfangszeiten, Samstag inklusive.
- Zurückgeben an den Menschen: akuter Schmerz, Blutung, Kollegenanruf.
- Weiterleiten an die 112: lebensbedrohliche Notfälle, ohne Verzögerung.
Randzeiten und Wochenende: der unsichtbare Strom
Außerhalb der Sprechzeiten übernimmt in Deutschland der ärztliche Bereitschaftsdienst. Er hilft laut eigener Darstellung bei Erkrankungen, mit denen man sonst in die Praxis gehen würde und deren Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann. Er ist unter 116117 rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche erreichbar, mit deutschem Telefonvertrag kostenlos. Lebensbedrohliche Fälle gehen an die 112, nicht an die 116117. Damit sind die Grenzen für die Weiterleitungsregel gesetzt, und zwar von außen. Eine Praxis muss sie nicht erfinden, sie muss sie nur eintragen. Was ein Sprachassistent in diesem Fenster tut, sind drei Handgriffe. Er vergibt den Termin, wenn der Kalender es hergibt. Er nimmt das Anliegen auf und legt es dem Empfang zur Öffnung vor. Er verweist auf den Bereitschaftsdienst, wenn das Anliegen außerhalb der Praxis liegt. Er sortiert keine Schwere. Um 23 Uhr heißt Versorgung sicherstellen: an den Bereitschaftsdienst weiterleiten. Nicht: eine Maschine entscheiden lassen, ob der Schmerz bis morgen Zeit hat.
Was die KI niemals entscheiden darf
Drei Grenzen, und keine davon ist verhandelbar. Zuerst die Offenlegung. Seit dem 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten der EU-KI-Verordnung: Eine Person muss wissen, dass sie mit einem KI-System interagiert. In einer Praxis heißt das ein Satz, gesprochen zu Beginn des Gesprächs, in klarer Sprache, ohne Beiwerk, das die Information verdeckt. Dann die Aufzeichnung. Die französische Datenschutzbehörde CNIL sagt es deutlich: Ein Arbeitgeber darf ohne gesetzliche Grundlage kein dauerhaftes oder systematisches Mithör- oder Aufzeichnungssystem einrichten. Aufzeichnungen begrenzt sie auf höchstens sechs Monate. Der Anrufstrom einer Praxis hat keinen Grund, durchgehend aufgezeichnet zu werden. Zuletzt die Verschwiegenheit. In Deutschland zieht § 203 Absatz 3 StGB die Linie: Wer an der Berufsausübung mitwirkt, darf Geheimnisse nur erfahren, soweit dies für die Inanspruchnahme seiner Tätigkeit erforderlich ist. Ein Sprachassistent ist genau so eine mitwirkende Person. Für ihn gilt dieselbe Erforderlichkeitsprüfung wie für jeden anderen IT-Dienstleister. Die französische HDS-Zertifizierung für Hoster von Gesundheitsdaten hat in Deutschland kein Gegenstück. Es bleiben DSGVO und § 203 StGB. Und die klinische Einschätzung bleibt draußen. Ein Sprachassistent stellt Fragen und nimmt Antworten auf. Er bewertet keine Schwere, er berät nicht, er beruhigt nicht.
- Die KI im ersten Satz offenlegen, in klarer Sprache.
- Nur aufzeichnen, wo der Zweck es trägt, niemals durchgehend.
- Gesundheitsdaten nur bei geprüften Auftragsverarbeitern speichern.
- Die Einschätzung der Schwere bei Arzt und Bereitschaftsdienst lassen.
Fünf Zahlen, die die Verteilung steuern
Eine Verteilung, die nicht gemessen wird, verschiebt sich. Fünf Kennzahlen genügen, alle nach Zeitfenster erhoben und nie als Tagesdurchschnitt: Ein Durchschnitt glättet genau die Spitze, die man sehen will. Die Annahmequote je Zeitfenster zeigt, wo die Lücke aufreißt. Die Zeit bis zur Annahme sagt, ob die Umschaltschwelle richtig sitzt. Der Anteil der ohne menschliches Zutun erledigten Anrufe sagt, was die Praxis tatsächlich abgegeben hat. Die Eskalationsquote zurück zum Empfang sagt, ob die Grenze zu hoch oder zu niedrig liegt. Die Zahl der außerhalb der Sprechzeiten vergebenen Termine beziffert den Strom, den es vorher nirgends gab. Zwei Fehler sind zu vermeiden. Vorher und Nachher über verschiedene Wochen zu vergleichen: Schon die Schulferien kippen eine Schlussfolgerung. Und die Eskalationsquote als Misserfolg zu lesen: Eine Eskalation ist die funktionierende Regel, nicht die kapitulierende Maschine. Eine Quote von null zeigt eine zu durchlässige Grenze an, keinen Erfolg.
- Annahmequote je Zeitfenster messen, nie als Durchschnitt.
- Zeit bis zur Annahme in Sekunden stoppen.
- Anteil der ohne menschliches Zutun erledigten Anrufe zählen.
- Eskalationsquote zurück zum Empfang verfolgen.
- Außerhalb der Sprechzeiten vergebene Termine zählen.
Quellen
- DREES, Les emplois du temps des médecins généralistes, Études et Résultats n° 797, mars 2012 https://drees.solidarites-sante.gouv.fr/sites/default/files/er797-2.pdf
- DREES, La moitié des rendez-vous sont obtenus en 2 jours chez le généraliste, en 52 jours chez l’ophtalmologiste, Études et Résultats n° 1085, octobre 2018 https://drees.solidarites-sante.gouv.fr/sites/default/files/2020-08/er1085-2.pdf
- ORS et URML Pays de la Loire, Temps de travail des médecins généralistes libéraux des Pays de la Loire et organisation des cabinets médicaux, Panel n° 35, décembre 2023 https://www.orspaysdelaloire.com/sites/default/files/pages/pdf/2023_PDF/2023_panel4_mg_OrganisationCabinet_35.pdf
- Légifrance, article R. 6315-1 du code de la santé publique (permanence des soins ambulatoires) https://www.legifrance.gouv.fr/codes/article_lc/LEGIARTI000038444077
- Légifrance, article R. 4127-47 du code de la santé publique (continuité des soins) https://www.legifrance.gouv.fr/codes/article_lc/LEGIARTI000006912913
- Légifrance, article L. 1111-8 du code de la santé publique (hébergement des données de santé) https://www.legifrance.gouv.fr/codes/article_lc/LEGIARTI000049577902
- Agence du numérique en santé, Certification des hébergeurs de données de santé (HDS) https://esante.gouv.fr/produits-services/hds
- CNIL, L’écoute et l’enregistrement des appels sur le lieu de travail https://www.cnil.fr/fr/lecoute-et-lenregistrement-des-appels-sur-le-lieu-de-travail
- Commission européenne, Regulatory framework for AI (obligations de transparence applicables au 2 août 2026) https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai
- Chuang E. et al., Telephone Access Management in Primary Care, Journal of General Internal Medicine, 2022;37(8):1963-1969 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8806007/
- Légifrance, décret n° 2025-152 du 19 février 2025 relatif à la permanence des soins ambulatoires https://www.legifrance.gouv.fr/jorf/id/JORFTEXT000051206924
- ARS Île-de-France, Service d’accès aux soins (SAS) https://www.iledefrance.ars.sante.fr/service-dacces-aux-soins-sas-5
- Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117 – Ärztlicher Bereitschaftsdienst https://www.116117.de/de/index.php
- Gesetze im Internet, § 203 Strafgesetzbuch (Verletzung von Privatgeheimnissen) https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__203.html
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